Interview Heiko Schaffartzik

An dieser Stelle präsentieren wir Ihnen Interviews, die mit den jeweiligen Spielern im DBB-Journal erschienen sind. Die können durchaus schon etwas älter sein, haben aber nach Meinung der Redaktion kaum etwas von Ihrem Reiz verloren.

Heiko Schaffartzik, DBB-Journal Nr. 11 vom Oktober 2009

„Erfolg der Mannschaft kommt an erster Stelle!”

Heiko Schaffartzik über seine Rolle „zwischen allen Stühlen“

„Coming out-Party“ nennt es Bundestrainer Dirk Bauermann, was seinem Aufbauspieler in der Nationalmannschaft, Heiko Schaffartzik, in diesem Sommer „passiert“ ist. Erstmals beim A-Team dabei überraschte der 1,83 Meter große Guard viele „Experten“, nicht aber sich selbst und den deutschen Headcoach. Ganz Europa fragte bei der Europameisterschaft in Polen nach Heiko Schaffartzik, dem es nicht nur gelang, zwei 100-Prozent-Spiele gegen Griechenland und Kroatien aufs Parkett zu bringen, sondern die deutsche Auswahl auch in schwierigen Phasen zu lenken und die Bälle zum richtigen Mann zu bringen. Grund genug für das DBB-Journal, sich in seiner „neuen Heimat“ Braunschweig (dort unterschrieb er bei den New Yorker Phantoms schon vor der EM einen Vertrag) einmal mit dem deutschen EM-Topscorer zu unterhalten.

Provozierender Einstieg: Der EM-Sommer ist ja ziemlich schlecht für Sie gelaufen. Sie haben früh einen Vertrag unterschrieben und dann eine tolle EM gespielt. Nach der EM hätten Sie sicher bei einem Top-Klub unterschreiben können und müssten nicht bei einem Verein spielen, der nicht in den Playoffs war und der nicht international spielt. Ist diese Wertung auch Ihre Einschätzung?
Überhaupt nicht. Ich glaube, dass ich bei der EM anders gespielt hätte, wenn ich noch keinen Verein gehabt hätte. Ich hätte unter Druck gestanden und ständig daran gedacht, dass ich noch einen Verein finden muss. So war ich befreit und sicher, keiner hatte große Erwartungen an mich, und ich musste nicht an den folgenden Job denken. Insofern bereue ich nichts und glaube fest, dass es die richtige Entscheidung war nach Braunschweig zu gehen.

Wie haben Sie sich den Sommer vorgestellt, als Sie eingeladen wurden? Hat da die EM schon eine Rolle gespielt? Wie war es dann wirklich?
Den ersten Kontakt mit Dirk Bauermann gab es schon im Winter. Da wurde schon früh signalisiert, dass ich gute Chancen habe mit zur EM zu fahren. Ich wollte das aber so nicht an mich ranlassen, war unsicher und froh, überhaupt nominiert zu sein. Dann habe ich in der Vorbereitung von Beginn an viel gespielt, wollte aber immer noch nicht an zu viel glauben. Letztlich war es dann ein einmaliges Erlebnis, bei der EM spielen zu dürfen. Ich hatte viele Freiräume, und das ganze Team hat mich auf ein höheres Niveau gebracht. Perfekt wäre es gewesen, wenn wir ein oder zwei Spiele mehr gewonnen hätten.

Es gab eine schöne Szene beim Trainingslager in Braunschweig: Dirk Bauermann schickte die unter 25-Jährigen auf die eine Seite des Feldes und die über 25-Jährigen auf die andere Seite. Sie haben sich auf die Mittelllinie gestellt, weil Sie genau 25 Jahre alt sind. Heißt das, dass Sie im Nationalteam zwischen allen Stühlen standen?
Ja, irgendwie schon, aber das war eher ein Vorteil für mich. Ich war nahe genug an den jungen Spielern dran, um deren teilweise krassen Humor verstehen zu können (lacht). Und auch von den älteren Spielern hat mich nicht viel getrennt, die meisten kannte ich schon lange.

In seiner EM-Beurteilung hat Dirk Bauermann Sie in höchsten Tönen gelobt und Ihnen eine Europaliga-Perspektive prophezeit. Sie hätten seine Forderung sehr gut erfüllt. Was waren das für Forderungen und wann sind sie geäußert worden?
Er hat von mir in erster Linie verlangt, Druck in der Verteidigung zu machen und dem Spiel eine Struktur zu geben. Das sind eigentlich relativ simple Anweisungen. Vor dem 1. Spiel gegen Serbien in Braunschweig hat er mich zur Seite genommen und mit mir gesprochen. Er hat mir gesagt, dass er es sehr gut findet, dass ich mich zu einem richtigen Point Guard entwickelt habe. Ich kann dazu nur sagen: Ich spiele Basketball!

Wie ist Ihr Verhältnis zu Steffen Hamann, Ihrem Partner in der Nationalmannschaft? Konnte er Ihnen als erfahrener Spieler helfen?
Wir haben ein gutes Verhältnis, sind in Berlin auch vorher schon mal zusammen weggegangen. Steffen konnte mir sicher helfen, es istaber schwer für mich, das konkret zu benennen. Im Training waren das eher die kleinen Tipps. Da er Dirk Bauermann schon so lange kennt, konnte er mir sagen, was der Coach in den unterschiedlichen Situationen sehen will. Während der Spiele hat Steffen aber nichts gesagt.

Wie sehen Sie seine und Ihre Leistung im vergangenen Sommer? Beanspruchen Sie wegen Ihrer guten Leistung Steffens Position als Starting Point Guard?
Die gegnerische Defense kannte Steffen und hat sich sehr auf seine Stärken fokussiert. Daher war es schwierig für ihn. Dass er aber trotzdem unter den besten zehn Assist-Gebern der EM war, zeigt seine Klasse. Für mich persönlich kommt der Erfolg der Mannschaft an erster Stelle. Da spiele ich lieber fünf Minuten weniger und gewinne. Daher hege ich keine Ansprüche. Ich habe großes Vertrauen in Dirk Bauermann und werde das machen, was er sagt.

Wie war generell die Atmosphäre in der Nationalmannschaft? War es ähnlich wie im A2-Team oder in den anderen Nationalmannschaften, die Sie schon durchlaufen haben?
Es war in jedem Fall eine super Teamchemie, auch schon vorher im A2-Team. Ich glaube, dass der Druck andere Teams kaputt macht, dass sie damit nicht klar kommen. Bei uns hat die Mischung gestimmt und auch, dass genügend Rookies dabei waren, die die Kisten schleppen mussten und so (lacht!).

Sie haben in diesem Sommer in der Nationalmannschaft mehrfach in entscheidenden Spielphasen wichtige Würfe genommen und getroffen. Ihnen scheint es völlig egal zu sein, ob Ihre Gegenspieler Tony Parker, Vassilis Spanoulis oder ein back-up-Guard in der BBL sind. Woher kommt diese Kaltschnäuzigkeit?
Ich überlege nicht, woher das kommt. Solche Fragen muss man komplett ausschalten, sonst kann man nicht spielen. So habe ich es schon immer gehalten, daher habe ich keine besondere Erklärung dafür. Wenn ich mich auf dem Feld mit solchen Dingen beschäftigen würde, würde das zu nichts führen.

Sie haben als 13-Jähriger eine Leukämie- Erkrankung überwunden. Wie sehr bestimmt das heute noch Ihr Leben und auch Ihr Spiel?
Ich bin kein Psychiater und war auch noch bei keinem. Ein Einfluss von damals auf mein heutiges Leben ist mir nicht bewusst, ich suche aber auch nicht danach.

In einigen Interviews haben Sie davon gesprochen, dass irgendwann bei Ihnen eine Art Lernprozess eingesetzt hat, nach dem Sie sich voll auf die Karriere als Basketball-Profi konzentriert haben. Was musste passieren, um diesen Lernprozess in Gang zu setzen und wie muss man sich einen solchen Prozess vorstellen?
Ich habe in Oldenburg gespielt mit einer ordentlichen Back-up-Rolle von 15 Minuten. Das war okay. Aber dann wollte ich diese Rolle ändern, denn ich war überzeugt, dass ich mehr drauf habe. Es ging also um die Wahl, entweder richtig Basketballprofi mit allen Konsequenzen zu sein oder damit aufzuhören. In dem Sommer nach der Saison habe ich mich dann länger orientiert, sogar einige Zeit bei Central Hoops in Berlin der Regionalliga gespielt, ehe ich dann nach Ludwigsburg gegangen bin, wo ich 25 Minuten auf dem Feld stehen durfte.

Schon 2002 bei der Junioren-EM in Deutschland waren Sie der beste deutsche Spieler, Ihnen wurde eine gute Perspektive vorausgesagt. Was ist danach „schief“ gelaufen?
Ich habe viele schlechte Entscheidungen abseits des Feldes getroffen. Das ist alles, und so einfach ist das.

Sie haben immer Ihren Platz in der BBL gefunden. Wie sehen Sie die Situation für deutsche Spieler in der BBL?
Man kann so viel auf höchstem Niveau trainieren, wie man will, das kann die Erfahrung auf dem Spielfeld nicht ersetzen. Das ganze Spektrum des Entscheidungsverhaltens wird nur dann ausgeprägt. Das ist unglaublich wichtig für einen Spieler, wenn er sich entwickelt. Hier scheint es mir manchmal so, dass, wenn es zwei gleich gute Spieler gibt, einen amerikanischen und einen deutschen, dann spielt der Amerikaner. Da frage ich mich oft: Warum? Ich glaube nicht, dass dafür in erster Linie finanzielle Gründe verantwortlich sind. Ich denke, die neue Quotenregelung ist eine akzeptable Lösung, allerdings wäre es besser gewesen, bereits in der kommenden Saison die Anzahl der Deutschen zu erhöhen und nicht erst in drei Jahren. Außerdem ist es leider nicht zu einer vier plus eins-Regelung gekommen. Die Zukunft wird zeigen, inwiefern diese Regelung dem deutschen Basketball und der BBL hilft.

Blicken Sie einmal fünf Jahre voraus. Wo sehen Sie sich?
Ich bin nicht Nostradamus. Es kann so viel passieren. Vielleicht bin ich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, vielleicht nicht. Damit möchte ich mich aber nicht belasten. Drei Dinge sind mir wichtig: Ich möchte auf bestmöglichem Niveau spielen, Geld mit Basketball verdienen und Spaß bei der ganzen Sache haben.

Was machen Sie, wenn Sie nicht Basketball spielen oder trainieren?
Ich mache eigentlich ganz normale Sachen, lese viel, höre Musik oder spiele Gitarre. Momentan beschäftige ich mich damit, wie ich in meiner neuen Wohnung einen Chill-Raum einrichten kann.

Noch eine Frage zu Braunschweig: Wie haben Sie sich schon in Braunschweig eingelebt? Freuen Sie sich, dass Sie mit Yassin Idbihi einen Mitspieler aus der Nationalmannschaft im Team haben?
Hier reden wir deutsch im Training, das ist sehr ungewöhnlich für die BBL. Ich kannte neben Yassin bereits einige Spieler vorher, z.B. auch Nils Mittmann noch aus Ludwigsburg. Auch Sebastian Machowski (Trainer der New Yorker Phantoms Braunschweig – Anm. d. Red.) und Oliver Braun (Manager der New Yorker Phantoms Braunschweig – Anm. d. Red.) sorgen mit dafür, dass ich mich hier wohl fühle. Unsere Amerikaner sind offen und cool, insgesamt eine gute Situation für mich.

Saisonausblick: Wer wird Meister in der BBL?
New Yorker Phantoms Braunschweig. Wir wollen unbedingt in die Playoffs. Und wenn man Playoffs spielt, möchte man natürlich auch ganz nach oben, sonst müsste man nicht antreten.

Spielerauswahl

Hier erhälst du einen Überblick über den kompletten Kader der Deutschen Herren Nationalmannschaft.

Bitte wähle einen Spieler aus, um dessen Detail-Profil zu erhalten.

Autogrammkarte

Bilder

Bitte anklicken, um die Slideshow zu öffnen.