Interview Philip Zwiener

An dieser Stelle präsentieren wir Ihnen Interviews, die mit den jeweiligen Spielern im DBB-Journal erschienen sind. Die können durchaus schon etwas älter sein, haben aber nach Meinung der Redaktion kaum etwas von Ihrem Reiz verloren

Philip Zwiener, DBB-Journal Nr. 19 vom Februar 2011

Er ist ein begehrter Gesprächspartner in diesen Tagen und Wochen, in denen er die Beko BBL förmlich im Sturm einnimmt. Doch trotz der vielen Interviews ist Philip Zwiener, 21facher Nationalspieler und Leistungsträger beim TBB Trier nach schwierigen Zeiten bei ALBA Berlin, immer noch für interessante Aussagen gut. Mich überrascht er eingangs des Gespräches mit einem kurzen Solo auf dem Saxophon, das er seit dem zwölften Lebensjahr spielt. Außerdem ist er jüngst zum Kaffeetrinker geworden und kocht nur selten. Aber das soll hier keine Rolle spielen:

Topscorer in Trier (13,95), hinter Robin Benzing zweitbester deutscher Scorer und hinter Tibor Pleiß zweitbester deutscher Rebounder (5,5) der Beko BBL, wie fühlt sich das an?
Erst einmal fühlt sich das einfach richtig gut an, wieder spielen zu dürfen. Ich war ja auch fünf Jahre in Berlin, das war insgesamt eine gute Zeit, in der ich viel gelernt habe. Gerade die letzten zwei Jahre waren für mich als Sportler sehr schwer, weil ich größtenteils auf der Bank saß. Ich wollte den Tapetenwechsel vornehmen und bin mit Henrik Rödl nach Trier gekommen. Ich habe einen Trainer gefunden, der mir vertraut und mir Selbstbewusstsein gibt. Und dann ist es einfach ein wunderschönes Gefühl, wieder auf dem Feld zu stehen. Wenn auch der Erfolg stimmt, ist es sowieso doppelt schön. Die Statistiken spiegeln mein Glück wieder, dass ich spielen darf. Ich mache das, was ich am liebsten mache. Ich freue mich natürlich, dass ich der Mannschaft helfen kann, aber Statistiken sind eigentlich sekundär, Punkte hin oder her, ich versuche einfach mein Bestes zu geben und mit der Mannschaft Erfolg zu haben.

Hand aufs Herz: hatten Sie das erwartet?
Henrik und ich haben natürlich von Anfang an über meine Rolle gesprochen und mir war klar, dass ich ein Spieler mit Verantwortung sein werde im Konzept von TBB Trier. Von den Punkten her habe ich mir keine Erwartungen gemacht. Ich wollte einfach den Leuten und auch mir zeigen, dass ich noch Basketball spielen kann. Obwohl ich in Berlin nicht gespielt habe, weiß ich, dass ich noch das Zeug habe Mannschaften zu helfen. Das ist mir unabhängig von den Punkten wichtig. Das bin ja auch nicht nur ich, sondern noch einige andere Spieler, denen man das so nicht zugetraut hat, Olli Faßler, Oliver Clay, Maik Zirbes.  Da waren vorher viele skeptisch und haben uns als Abstiegskandidat gesehen. Man muss jetzt aber vorsichtig sein, denn plötzlich wird von den Playoffs geredet.

Böse Zungen könnten behaupten, dass Sie in Berlin lediglich eine sehr starke Playoff-Serie gehabt hast, die Sie dann auch zu Olympia gebracht hat. Was entgegnen Sie?
Wenn man nur auf die Statistiken guckt, dann haben die bösen Zungen auch nicht unrecht. Ich glaube, ich hatte in der Situation einfach Glück, dass es personelle Probleme bei ALBA gab und ich die Chance bekommen habe zu zeigen, dass ich auch einer Top-Mannschaft weiterhelfen kann. Ich habe meine Rolle gespielt und versucht, das Beste daraus zu machen. Als meine Chance kam, habe ich sie nutzen können. Dann wurde es ein unglaublich schneller Sommer: wir wurden Deutscher Meister, das war ein unglaubliches Gefühl, dann wurde ich in den erweiterten Kader der Nationalmannschaft berufen, habe jeden Moment damit gerechnet, jetzt werde ich gecuttet, und dann stand ich ganz schnell im Olympischen Dorf. Es ging einfach so extrem schnell, womit ich gar nicht gerechnet habe. Dann habe ich einfach jeden Moment so gut es ging genossen. Im Sport gehört es halt dazu, dass man auf seine Chance wartet und sie dann auch nutzt.

Sehen Sie es vom heutigen Stand aus als Fehler an, so lange in Berlin geblieben zu sein? Besonders die Vertragsverlängerung um ein Jahr haben ja nur die Wenigsten verstanden.
Das ist glaube ich die häufigste Frage an mich in den vergangenen Wochen. Da muss man ein bisschen die Person Philip Zwiener kennen. Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch, und ich habe einfach in Berlin gemerkt, dass ich mich weiterentwickelt habe und dass ich, wenn ich die Chance bekomme, diese auch nutzen kann. Insofern wollte ich Berlin nicht abbrechen mit dem Gefühl, dass ich es nicht geschafft habe. Es ist dann natürlich anders gekommen, aber ich bin keiner, der jetzt ständig zurückblickt. Ich habe die Entscheidung damals mit ganzem Herzen getroffen, dann darf man im Endeffekt auch nicht sagen, dass es falsch war. Aus jeder Situation, egal, wie schlecht sie ist, kann man etwas lernen, wenn man sie richtig angeht.

Mit 19 Jahren zum deutschen Topklub nach Berlin, die Basketballwelt stand Ihnen offen. Wie schnell kam der Frust und wie sind Sie in den Jahren damit umgegangen?
Das Konzept von Henrik Rödl, deutschen Spielern eine Chance zu geben, hat mich schon damals überzeugt, als ich von Bremen nach Berlin gegangen bin. Mir war aber auch klar, dass ich Zeit brauche, und das habe ich eingesehen. Ich wollte Schritt für Schritt ein besserer Spieler werden und habe im ersten Jahr extrem gemerkt, dass ich noch viel an mir arbeiten muss. Im zweiten Jahr war ich dann bereiter anzugreifen, aber auch da habe ich noch viel Lernpotenzial gesehen. Ich hatte also wenig Frust durch meine „Jetzt erst recht“-Einstellung. Im dritten Jahr habe ich immer mehr gespürt, dass ich bereit bin und dass ich spielen will. Das war dann so die erste Phase vor den Playoffs, in der ich nicht verstanden habe, warum ich nicht spiele. Trotzdem habe ich mich gebeugt, und dann lief es gut. Mit die schwierigste Zeit meiner Karriere war anschließend das Jahr nach Olympia, als ich so gut wie gar nicht mehr gespielt habe. Das hat dann dazu geführt, dass ich es in erster Linie mir beweisen wollte, dass ich mich in Berlin durchsetzen kann. Daher auch die Verlängerung nach dem vierten Jahr.

Ihre aktuellen Leistungen wecken Begehrlichkeiten, sicherlich auch bei Ihnen selbst. Ist Trier nur eine kurze Zwischenstation auf dem Weg zurück zu einem Topverein mit internationaler Perspektive?
Wie gesagt, man muss immer vorsichtig sein. Nach meinen letzten beiden Jahren in Berlin hatten mich viele schon abgeschrieben. Jetzt habe ich ein  knappes halbes Jahr gut gespielt, das ist kein Grund, mich jetzt in den Himmel zu loben. Ich bin sehr realistisch und bodenständig. Ich bin froh, mit Trier einen Verein gefunden zu haben, der auf mich baut und dem ich etwas zurück geben kann. Das fühlt sich richtig gut an. Ich möchte sowieso meinen Zweijahresvertrag erfüllen und kann mir auch gut vorstellen hier länger zu bleiben.

Gibt es zum jetzigen Zeitpunkt schon Anfragen anderer Klubs?
Jedenfalls weiß ich davon nichts. Die Frage hat sich aber für mich nie gestellt, und von meinem  Berater (Marko Pesic – Anm. d. Red.) habe ich nichts gehört. Für mich ist das auch eine Frage der Loyalität. Ich würde nie und nimmer auf die Idee kommen, woanders hinzugehen, bevor mein Vertrag abgelaufen ist.

Die Nationalmannschaft schien Lichtjahre entfernt, ist jetzt aber wieder in Ihren Fokus gerückt. Stehen Sie in Kontakt mit Dirk Bauermann? Was sagen Sie zu der Konkurrenz auf Ihrer Position und wo sehen Sie Ihre Perspektive in der Nationalmannschaft?
Ich habe mich riesig darüber gefreut, dass Dirk Bauermann mich angerufen hat, und über eine Nominierung würde ich mich natürlich auch sehr freuen. Aber momentan zählt nur der TBB Trier. Zur Position: wie gesagt, ich bin realistisch und weiß, dass die Position 3 in der Nationalmannschaft bärenstark mit vielen talentierten Spielern besetzt ist. Wenn ich in den erweiterten Kader komme, werde ich mein Bestes tun, in die Mannschaft zu kommen. Wenn es aber nicht klappt, ist das kein Beinbruch.

Sie könnten in der Nationalmannschaft ja vielleicht auch auf der Position 2 spielen (Idee des Autors – Anm. d., Red.), wo die Personaldecke deutlich dünner ist, zumal man ja noch nicht weiß, wie stark Demond Greene nach seiner Verletzung zurück kommt. Eine Option, auf der 2 anzugreifen?
Ich habe eigentlich mein Leben lang die 3 und manchmal auch die 4 gespielt. Wenn ich aber die 2 spielen soll und dadurch mit zur EM kann, spiele ich auch die 2 (lacht). Ich kenne Desmond, er ist ein Kämpfer und kommt sicher stark zurück. Letztlich wird der Bundestrainer schon eine passende Lösung finden. Ich sage aber ganz ehrlich, dass ich eigentlich ein 3er bin.

„Olympia ist so an mir vorbeigerauscht“ haben Sie in einem Interview mit der FIVE gesagt. Wie sind Ihre Gefühle und Erinnerungen jetzt fast drei Jahre danach?
Das war damals ein so extremes Glücksgefühl, dass ich manchmal denke, hätte ich das doch ein bisschen mehr genießen können. Wenn alles so schnell geht, kann man das gar nicht richtig genießen. Mein Trikot von damals habe ich von allen unterschreiben lassen und mir in die Wohnung gehängt. Das zeigt wohl meine große Dankbarkeit, damals dabei gewesen sein zu dürfen mit so unglaublich guten Spielern, die mich und die anderen Newcomer super aufgenommen haben. Ich weiß ja auch, wie viele Jahre der Kern der Mannschaft auf dieses große Ziel hingearbeitet hatte. Ich kam kurz vorher dazu und durfte dann direkt bei Olympia dabei sein. So etwas kann man erst danach, wen man alles reflektiert, wirklich verstehen. Ich glaube, mein größter Traum ist es, noch einmal bei Olympischen Spielen mitzumachen, um einfach dieses Gefühl viel bewusster zu erleben.

Sie sind ein eher ruhiger Typ, der von sich selbst sagt, sich wenig Gedanken zu machen und nicht viel an sich heran zu lassen. Steht Ihnen das manchmal auch im Wege? („Oh ja“ lautet eine kurze Zwischenantwort – Anm. d. Red.) Wäre Ihnen vielleicht einiges leichter gefallen, wenn Sie impulsiver, lauter, emotionaler wären?
Ich glaube ich sage immer, dass ich mir wenig Gedanken mache, weil ich eigentlich jemand bin, der sich viel Gedanken macht. Das ist so etwas – das habe ich in den letzten Jahren gemerkt – woran ich extrem arbeiten muss. Basketball ist ein Spiel, dass viel im Kopf gespielt wird, und ich bin leider jemand, bei dem das noch viel mehr im Kopf gespielt wird. Ich bin immer noch dabei, daran zu arbeiten. Nichtsdestotrotz bin ich ein sehr emotionaler Mensch auf dem Feld, auch wenn man das nicht immer so mitbekommt. Ich hasse es zu verlieren. Ich wollte mich immer schon zeigen, aber in einer Situation wie in Berlin habe ich schon einige Male klein bei gegeben. Dass sich bei mir so viel im Kopf abspielt, hat mir die letzten Jahren häufiger im Weg gestanden. Momentan hilft mir da das Vertrauen sehr, da ich es schaffe, ein Stück weit meinen Kopf auszuschalten.

Beenden Sie bitte folgende Sätze:

Wenn ich ALBA schon zwei Jahre früher verlassen hätte, …hätte ich schon früher bei einem anderen Verein gespielt (lacht)

Dirk Bauermann als Bundestrainer ist …eine Persönlichkeit, die den deutschen Basketball immens nach vorne gebracht hat und ein Glücksfall für den deutschen Basketball.

Im Sommer 2011 …hoffe ich, dass ich wieder ein Teil der Nationalmannschaft bin.

Die Teilnahme an den Olympischen Spielen ist für mich …die größte Sache, die einem Sportler passieren kann.

Wenn Sie mal ein paar Jahre vorausblicken. Wo sehen Sie sich in fünf Jahren, in zehn Jahren, und was sind die Pläne nach Ihrer aktiven Karriere?
In fünf Jahren hoffe ich, dass ich mich etabliert habe im deutschen Basketball und bei einem erfolgreichen Verein spiele und meinen Teil dazu beitragen kann, dass dieser Verein Erfolg hat. In zehn Jahren? Ich bin eigentlich nicht der Typ, der so weit vorausblickt. In zehn Jahren kann alles passieren: es kann sein, dass ich meine Karriere in der zweiten Liga beende, es kann sein, dass ich mich noch so gut fühle, dass ich noch in der ersten Liga mithalten kann. Ich muss ja sowieso noch etwas anderes machen nach dem Basketball und habe auch Lust dazu. In welche Richtung das genau geht, da bin ich noch nicht so ganz sicher. Ich lasse erste einmal alles auf mich zukommen und gucke, wie sich alles entwickelt. Vielleicht werde ich irgendwann anfangen zu studieren , aber momentan versuche ich mich voll und ganz auf Basketball zu konzentrieren und fühle mich da auch wohl bei.

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