Interview Steffen Hamann

An dieser Stelle präsentieren wir Ihnen Interviews, die mit den jeweiligen Spielern im DBB-Journal erschienen sind. Die können durchaus schon etwas älter sein, haben aber nach Meinung der Redaktion kaum etwas von Ihrem Reiz verloren.

Steffen Hamann, DBB-Journal Nr. 21 vom Juni 2011

„Der ein oder andere erkennt mich“

Steffen Hamann ist Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, für die er bisher 113 aufgelaufen ist, und er ist Kapitän des FC Bayern München, Aufsteiger in die Beko BBL, und somit Teil eines der interessantesten Basketball-Projekte Europas. Steffen Hamann ist ein Spieler, der die Generationen in der deutschen Nationalmannschaft verbindet und der ein ganz besonderes Verhältnis zu Bundes- und Vereinstrainer Dirk Bauermann hat. Und auch über diese Themen hinaus hatte der 30-jährige Pointguard im Gespräch mit dem DBB-Journal so Einiges zu erzählen.

Wir sind hier am Münchener Hauptbahnhof, niemand spricht Sie an, was ist da los? Das müsste als Bayern-Profi doch anders sein.
Das ist schon ein bisschen was anderes als bei einem Fußballer (lacht). Ich denke aber trotzdem, dass Basketball hier in München gut angenommen wurde. Der ein oder andere erkennt mich – zwar nicht am Bahnhof, aber in meinem Viertel, wo ich mich sehr wohl fühle. Da werde ich schon ab und zu angesprochen. Das ist aber natürlich kein Vergleich zu den Fußballern.

Welchen Stellenwert hat das Basketballprojekt in München? Wie groß ist die Aufmerksamkeit von Medien und Öffentlichkeit? Du hast ja auch in Berlin gespielt, kann man das vergleichen.
Noch kann man das nicht mit z.B. Berlin vergleichen, da war das Interesse noch größer als jetzt in München. Das hat auch etwas damit zu tun, dass wir in der 2. Liga waren. Nächstes Jahr wird da schon ein anderer Wind wehen. Das Projekt ist sehr, sehr gut angekommen, die Hallen waren voll, es wurde sehr viel berichtet. In Deutschland ruft die Marke Bayern München natürlich großes Interesse hervor, und im Ausland hat es auch für Interesse gesorgt, besonders bei Spielern, die jetzt zu uns kommen möchten. Wir wollen die Marke FC Bayern Basketball selbständig aufbauen, aber es hilft uns sicher, wenn mal der eine oder andere Fußballer bei unseren Spielen vorbeischaut. Dann wird gleich mehr berichtet. Basketball ist aber interessant genug, dass wir auf eigenen Beinen stehen können. Wir haben eine gute Arbeit gemacht, um Basketball hier in München salonfähig zu machen.

Was hat Sie dazu bewogen, im besten Basketballalter in die 2. Liga zu wechseln?
Ich hätte den Schritt sicher nicht gemacht, wenn nicht Bayern München auf meinem Trikot gestanden oder wenn Dirk Bauermann nicht an der Seitenlinie gestanden hätte. Manchmal muss man in seiner Karriere vielleicht einen Schritt nach hinten gehen, um zwei nach vorne zu kommen. Ich wollte nicht für ein Jahr zu einem Verein und dann nach München wechseln, sondern das ganze Projekt hier von Anfang an mitmachen.

Sie sind offensichtlich sehr eng mit Bundestrainer Dirk Bauermann verbunden. Beschreiben Sie doch mal das Spieler-Trainer-Verhältnis Hamann/Bauermann.
Dirk kam damals (2001 – Anm. d. Red.) mitten in der Saison nach Bamberg und hat mich zu dem Spieler geformt, der ich jetzt bin. Ohne Dirk wäre ich vielleicht nie in der Nationalmannschaft gelandet. Er hat mir als jungem Spieler immer das Vertrauen gegeben, die erfahrene Mannschaft zu führen. Wir haben zwei Meisterschaften gewonnen, waren zusammen bei Olympia, und ich denke, dass wir uns mittlerweile blind verstehen. Jeder weiß vom anderen, was er verlangen und erwarten kann. So etwas gibt es nicht oft im Basketball. Mir macht es immer noch enorm viel Spaß, mit Dirk zusammenzuarbeiten, und ich hoffe, dass das auf Gegenseitigkeit beruht.

Will der Bundestrainer Ihre Meinung hören, was die Zusammenstellung der Mannschaft angeht?
Auf jeden Fall, wir sprechen viel darüber. Er holt sich ein paar Ratschläge, wie die Mannschaft die ein oder andere Situation sieht. Ich bin der Kapitän, aber ich glaube, das würde er auch tun, wenn ich jetzt nicht der Kapitän wäre.

Was sagen Sie zum Abschied von Dirk Bauermann als Bundestrainer und zu der Diskussion um die Doppelfunktion?
Das ist ja alles sehr schnelllebig im Sport. Wir freuen uns riesig, dass wir den Dirk in diesem Sommer noch an der Seitenlinie haben. Wir werden alles dran setzen, das wir uns für Olympia qualifizieren, ob direkt oder über das Qualiturnier. Das wäre ein ganz tolles Abschiedsgeschenk für den Coach. Ich weiß nicht, wie die Situation ist, wenn wir uns für Olympia qualifizieren, ob es dann die Möglichkeit gibt, dass er im nächsten Sommer auch dabei sein darf. Das hätte er verdient, es wäre schade, wenn man ihm, der so viel für den deutschen Basketball getan hat, das wegnehmen würde. Dirk denkt dabei ja auch nicht an sich, sondern immer nur an den deutschen Basketball.

Was ist mit dem FC Bayern in der Beko BBL möglich? Namen wie Jagla, Benzing, Ohlbrecht werden gehandelt, Marko Pesic ist bereits als Sportdirektor verpflichtet worden?
Auch da wird meine Meinung gehört. Ich weiß natürlich nicht, wie sehr die dann den Ausschlag gibt. Ich kenne nach zehn Jahren in der Liga und acht Jahren in der Nationalmannschaft den ein oder anderen Spieler etwas besser, da wird natürlich Meinungsaustausch mit Coach und Manager betrieben. Es ist angesichts der Tatsache, dass im nächsten Jahr fünf Deutsche auf dem Spielberichtsbogen stehen müssen, interessant, deutsche Nationalspieler nach München zu holen. Wichtig ist ein guter Start, wir müssen von Anfang an Erfolg haben. Nach der EM haben wir nicht viel Zeit, mit der kompletten Mannschaft zusammen zu trainieren. Insofern wird das eine schwierige Aufgabe direkt Fuß zu fassen. Aber wir sind der FC Bayern und haben sicher in der kommenden Saison eine schlagkräftige Mannschaft, mit der wir unter die besten vier bis fünf Teams kommen möchten.

Thema Nationalmannschaft: Stephen Arigbabu beschreibt in diesem Heft das ehemalige Nationalteam als „Familie“. Ist das auch für Sie so? Ist es jetzt anders mit den vielen jungen Spielern?
Neue Spieler in der Nationalmannschaft werden vom ersten Tag an mit den Werten des Teams vertraut gemacht, das ist ganz wichtig. Die gute Teamchemie hat uns häufig erfolgreich durch die Sommer getragen, sie ist ein Erfolgsrezept. Das hat auch jeder Spieler verstanden. Jeder weiß, dass er Spaß haben kann, aber dass es auch ein großer Konkurrenzkampf ist. Wenn man den in der Halle lässt und nicht mit ins Hotel trägt, dann funktioniert das. Insofern opfert jeder Spieler, der einmal bei der Nationalmannschaft dabei war, sehr viel, um auch beim nächsten Mal wieder dabei sein zu dürfen.

Nach einem Jahr 2. Liga spielen Sie jetzt bald gegen die besten Guards Europas. Ist das nicht ein zu großer Spagat? Wie bereiten Sie sich – gerade mental – darauf vor?
Ach, da mach´ ich mir überhaupt keinen Kopf. Ich werde 30 und weiß genau, was man mitbringen muss, um auf Topniveau bestehen zu können. Das eine Jahr 2. Liga hört sich vielleicht langweilig an, aber es war nicht so einfach, wie es ausgesehen hat. Wir haben zwei Mal täglich auf hohem Niveau trainiert, haben immer in ausverkauften Hallen gespielt, da bin ich guter Dinge, dass bei mir nichts vermisst wird.

Es geht bei der EM in Litauen auch um die Olympiaqualifikation. Wie sehr streben Sie nach einer weiteren Olympiateilnahme?
Da brauchen wir nicht drüber zu reden. Dass Peking Lust auf mehr gemacht hat, ist ganz klar. Das Interessante an der ganzen Sache ist, dass London ganz nah ist. Olympische Spiele in Europa sind noch einmal etwas ganz anderes. Aber bis dahin ist es noch ein langer und steiniger Weg, den wir zu bewältigen haben. Für den ein oder anderen Spieler ist es sicher auch ein Ziel, um sich danach mit breiter Brust von der Nationalmannschaft verabschieden zu können.

Da muss ich natürlich direkt einhaken. Ist das auch für Sie ein Termin, den Sie zum Abschied ins Auge fassen?
Mein nächstes Etappenziel ist Olympia 2012! Ich weiß nicht, wie ich mich danach fühle, aber auf meiner Position gibt es z.B. mit Per Günther und Heiko Schaffartzik hungrige Spieler, die die Nationalmannschaft auf dem Niveau halten können. Nach Olympia werde ich mich mit dem Bundestrainer zusammensetzen und über meine Zukunft in der Nationalmannschaft reden. Es kann aber bei verpasster Olympiaqualifikation auch gut sein, dass ich dann im kommenden Jahr bei der EM-Quali dabei bin. Wenn die EM 2015 in Deutschland stattfinden sollte, wäre das ja möglicherweise auch noch ein interessantes Ziel.

Verfolgen Sie die NBA-Finals mit Dirk Nowitzki? (Der Interviewtermin mit Steffen Hamann lag unmittelbar nach Spiel 3 – Anm. d. Red.) Was sagen Sie zu seiner Leistung?
Ich habe noch nie so viele NBA-Spiele gesehen wie in diesem Sommer, weil ich – leider – die Zeit habe, da ich nicht wie sonst in den Playoffs spiele. Es macht großen Spaß, die Playoffspiele von Dirk anzusehen. Das ist ja doch etwas ganz anderes als die regulären Saisonspiele. Zu Dirk muss man nicht mehr viel sagen, er ist unglaublich gut, und jetzt setzt er sogar noch einen oben drauf.

Erstmals seit drei Jahren will Dirk Nowitzki wieder Nationalmannschaft spielen. Da freut man sich als Playmaker sicher drauf?
(lacht) Auf jeden Fall! Ich hatte ja das Vergnügen, mit ihm auf dem Parkett zu stehen. Es ist schon etwas ganz Besonderes, mit einem der besten Spieler, die es jemals gab, zusammenzuspielen. Wir alle hoffen auf seine Teilnahme im Sommer. Von mir aus muss er auch das Trainingscamp nicht mitmachen, wenn er beim ersten Spiel topfit dabei ist.

Sie spielen in diesem Sommer neben Hagen und Bremen auch in Bamberg, München und Berlin, also genau dort, wo Sie auch im Verein gespielt haben. Ist das noch einmal zusätzlich etwas Besonderes für Sie?
Ich komme immer gerne an die alten Spielstätten zurück. Ich war in Bamberg und Berlin und habe dort Playoff-Spiele angeguckt, in München bin ich jetzt zuhause. Ich treffe viele Leute wieder, und wenn wir dann noch ein geiles Spiel aufs Parkett zaubern können, dann freut mich das umso mehr.

Was ist mit den „young guns“ plus Dirk plus eventuell Chris Kaman bei der EM möglich? Was ohne sie? Erwarten Sie größere Abstimmungsprobleme?
Ich denke, es war ganz wichtig, dass vor zwei Jahren der Schnitt gemacht wurde, weil die Jungen jetzt wissen, was sie auf europäischem Topniveau bringen müssen. Wenn jetzt der Dirk noch dazu kommt, dann ist es wichtig, dass sie ihr Spiel weiter spielen und keine Angst vor Fehlern haben. Die Gefahr besteht nämlich immer, wenn man mit Dirk auf dem Feld steht. Ich mache mir da aber keine Sorgen, denn wenn der Dirk dabei ist, dann wird das funktionieren. Angst vor ihm wird keiner haben.

Es gibt in Deutschland nur wenige Nachwuchsguards auf der 1, die körperlich internationalen Ansprüchen genügen. Woher rührt dieses Problem Ihrer Meinung nach?
Ich merke das ja selber auch in der zweiten Liga, dass die Pointguards immer deutlich kleiner sind als ich. Ich kann mir das nicht erklären, warum man ein bisschen davon weggekommen ist, immer mindestens einen großen Pointguard im Team zu haben, denn vor allem in der Defense ist das schon ein Vorteil. Ein großer Pointguard kann z.B einen Post verteidigen, wenn Not am Mann ist. Im Angriff sehe ich da eher weniger Probleme. Mit Per und Heiko, aber auch mit Bastian Doreth sieht man aber, dass man auch mit kleinen Pointguards erfolgreich spielen kann.

Wie sieht Ihre persönliche Zielsetzung für die kommenden Jahre aus, sowohl für den FC Bayern als auch für die Nationalmannschaft?
Mit der Nationalmannschaft, da haben wir ja drüber gesprochen, ist die Qualifikation für Olympia das ganz große Ziel. Die erste Liga in München wird eine neue Erfahrung sein. Es werden gestandene Profis in unserer Mannschaft stehen, die wissen, worauf es ankommt. Aber bis wir eine Einheit sind, wird es sicher eine Weile dauern. Ich will nächste Saison unter die TOP4 kommen, auf jeden Fall in die Playoffs. In zwei Jahren können wir dann über die Meisterschaft reden.

Wie sehen Ihre Pläne nach der Karriere aus?
Man macht sich natürlich Gedanken, was mal nach der aktiven Karriere folgen könnte. Basketball ist meine große Leidenschaft, daher kann ich mir gut vorstellen, damit verbunden zu bleiben. Ich habe sehr guten Kontakt zu Marko Pesic (ehemaliger Nationalspieler und Spielerberater sowie neuer Manager beim FC Bayern München Basketball – Anm. d. Red.) und habe mir angeschaut, wie er seine Firma aufgebaut hat, die jetzt Jan Rohdewald weiterführt. In diese Richtung würde ich auch gerne gehen. Bis dahin möchte ich aber das sportliche Maximum herausholen.

Bitte vervollständigen Sie folgende Sätze:

-          Der FC Bayern wird in der Beko BBL ……….. sehr gut ankommen, die Hallen vollmachen und nächstes Jahr in den Playoffs spielen.

-           

-          Bei der EM 2015 in Deutschland ………….. geht es für die deutsche Mannschaft um eine Medaille.

-           

-          Mein Nachfolger in der Nationalmannschaft …………. wird es genießen, mit dem Adler auf der Brust zu spielen, und sehr viel Verantwortung auf seinen Schultern tragen.

 

 

 

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