Interview Sven Schultze

An dieser Stelle präsentieren wir Ihnen Interviews, die mit den jeweiligen Spielern im DBB-Journal erschienen sind. Die können durchaus schon etwas älter sein, haben aber nach Meinung der Redaktion kaum etwas von Ihrem Reiz verloren.

Sven Schultze, DBB-Journal Nr. 10 vom August 2009

„Warum sollte ich zurückgehen?“


Pure Energie, 100-prozentiger Einsatz, sicherer Dreier … das sind ganz knapp zusammengefasst die Attribute von Sven Schultze, für die er als Basketballspieler steht. Genau wie Dirk Nowitzki ist der 2,06 Meter große Schultze mittlerweile 31 Jahre alt und hat in seiner Karriere Einiges erlebt. Unlängst machte ihn Bundestrainer Dirk Bauermann gemeinsam mit Steffen Hamann zum Kapitän der neuen deutschen Nationalmannschaft. Dem DBB-Journal hat er Rede und Antwort gestanden und dabei unter anderem vom Problem erzählt, sich für die vielen neuen Spieler im Team das passende Ritual für die „Aufnahmeprüfung“ auszudenken.

Sie haben bisher in der Nationalmannschaft immer „im Schatten“ von Dirk Nowitzki gestanden, da Sie die gleiche Position besetzen. Hat Sie das nie gestört?
Nein, denn davon habe ich ja jahrelang profitiert. Das Training mit und gegen Dirk hat mir sehr geholfen in meiner Karriere. Dadurch bin ich individuell besser geworden. Außerdem hatte ich nie den Druck im Spiel wie Dirk und konnte befreiter als er spielen. Aber eigentlich ist mir diese Rolle als sein Back-Up nie so krass aufgefallen. Ich habe ja auch gemeinsam mit ihm auf dem Feld gestanden, denn sowohl er, als auch ich können ja auf mehreren Positionen eingesetzt werden.

In diesem Sommer könnte das anders sein, falls Nowitzki nicht zum Team kommen sollte. Beschäftigen Sie sich mit Ihrer dann sicher neuen Rolle im Team? Kann man überhaupt ein echter „Starter“ sein, wenn man jahrelang für die Rolle des Energizers von der Bank prädestiniert war?
Darüber mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Ich weiß, dass ich auch als Starter Leistung bringen kann. Dann würde ich mir die Zeit auf dem Spielfeld sicher anders einteilen, denn das kann man kaum über 30 Minuten bringen. Ich habe aber auch in meinen Vereinen zuletzt über 20 Minuten im Schnitt gespielt. Aber im Grunde freue ich mich schon auf das Wiedersehen mit Dirk, den sieht man ja nicht so häufig. Und im Sommer kann man sich dann endlich mal wieder austauschen.

Energie bringen Sie nicht nur, wenn Sie von der Bank kommen – Sie sind auch immer vorne mit dabei, wenn es darum geht, die Mannschaft von der Bank anzufeuern. Andere Spieler setzen sich hin, erholen sich, trinken etwas – kommt das für Sie nicht in Frage?
Das habe ich immer schon so gemacht. Das bin einfach ich. Diese Art wird von außen wohl eher registriert. Da es aber ein Teil von mir und meiner Spielweise ist, ist mir das während des Spiels oder Trainings gar nicht so bewusst.

Einige Spieler Ihrer Generation haben nach dem vergangenen Sommer im Nationalteam aufgehört (Femerling, Roller, Garrett, Demirel – Anm. d. Red.). War das für Sie nie ein Thema, zu sagen, jetzt, nach dem Höhepunkt Olympia, verbringe ich meine Sommer anders?
Direkt nach Olympia habe ic h mit unserem Arzt Thomas Neundorfer und Physio Jo Kaufmann zusammen gesessen, die zu mir gesagt haben: „Du darfst jetzt aber nicht aufhören. Wir brauchen Dich!“ Das hat mir echt gut getan. Man denkt ja sonst nicht so darüber nach, welche Bedeutung man für die Mannschaft hat. Es ist aber gut, dass noch einige ältere und erfahrene Spieler dabei sind. Ich denke, solange ich auf diesem Level bin, freue ich mich über jede Einladung zur Nationalmannschaft und komme gerne. Auch meine Familie spielt da problemlos mit.

In wie fern hat sie das Erlebnis Olympia im letzten Sommer so geprägt, dass Sie sagen: Olympia 2012 in London ist noch einmal ein Ziel?
Olympia in Peking hat mich sehr geprägt. Das Einlaufen ins Stadion, die vielen Athleten, neue Bekanntschaften … einfach ein unbeschreibliches Erlebnis. Mit einigen Leuten, die ich in Peking kennengelernt habe, habe ich heute noch Kontakt, wie z.B. mit Volleyballer Stefan Hübner. London 2012 ist ein großes Ziel von mir, denn das möchte ich gerne noch einmal erleben.

Die „Generation Nowitzki“ in der deutschen Nationalmannschaft hat nicht nur große Erfolge erzielt, ihr wird auch ein extrem guter Zusammenhalt, eine extrem gute Harmonie nachgesagt. Worin äußert sich die? Welche Rolle spielen Sie in dieser Hinsicht im Team?
Ich glaube, dass dieser Zusammenhalt so groß ist, weil sich ganz viele Spieler seit Jugendzeiten kennen und kannten. Wir haben bei den Kadetten, Junioren und in der U22 schon zusammen gespielt, teilweise auch in den Vereinen. Da entwickelt sich so etwas. Es gibt eine regelrechte Euphorie in der Vorfreude auf jeden Sommer, denn wir arbeiten zwar extrem hart, haben aber fast noch mehr Spaß zusammen.

Das Trainingslager der Nationalmannschaft hat gerade begonnen. Wie ist Ihr erster Eindruck von den vielen neuen, jungen und unerfahrenen Spielern?
Es hat ja gerade erst angefangen, aber Spaß werden wir auch mit den neuen Spielern haben. Soweit ich das bisher beurteilen kann, sind die Jungs schon in Ordnung. Basketballerisch kann ich noch nicht viel sagen. Als die Einladung kam, habe ich mich im Internet mal ein bisschen informiert und nach den jungen Spielern geschaut. Auch während der Saison ist mir der ein oder andere bei den Statistiken aufgefallen, wenn ich bei den älteren Spielern geschaut habe. Einige Gesichter kannte ich auch von U16- oder U18-Lehrgängen vor einigen Jahren in Leverkusen. Jetzt geht es erst einmal darum, die Jungs alle richtig kennenzulernen.

Ist Ihr Typ Spieler, der immer 100 Prozent gibt, der Mitspieler anspornt und auch auf der Bank „mitspielt“, in diesem Sommer besonders gefordert, wenn es da rum geht, diese neuen Spieler zu integrieren?
Erst einmal müssen wir uns jetzt das Ritual überlegen, mit dem wir die Neuen ins Team aufnehmen (lacht). Eine Runde nackig ums Stadion oder so muss da schon drin sein. Wenn wir hier einen freien Tag haben, werden wir bestimmt etwas gemeinsam unternehmen.

Coach Bauermann hat Sie gemeinsam mit Steffen Hamann als Team-Kapitän benannt. Ist das eine besondere Auszeichnung für Sie?
Das ist auf jeden Fall eine große Ehre für mich. Ich habe aber mit Patrick Femerling jahrelang auch das beste Vorbild als Kapitän gehabt, das ich mir vorstellen kann.

Warum haben es in den vergangenen Jahren so wenig deutsche Spieler geschafft, sich im Ausland zu etablieren? Warum haben Sie es geschafft?
Die Situation für den einzelnen Spieler muss einfach passen. Bei mir war das perfekt: zur rich tigen Zeit am richtigen Ort (Schultze  wechselt vor den BBL-Playoffs 2005, die er mit Lever kusen verpasst hatte, zum italienischen Titelanwärter Armani Jeans Mailand, wo er glänzend zurechtkommt, bis ins italienische Finale vordringt und anschließend bis 2008 in Mailand und Udine spielt und auch nach der griechischen Saison im Frühjahr 2009 wieder für einen Monat beim italienischen Klub Monferrato anheuert– Anm. d. Red). Das gilt wohl so ähnlich auch für Jan (Jagla – Anm. d. Red.). Deutsche Spieler im Ausland werden wegen ihrer Arbeitseinstellung eigentlich geschätzt, und so wenige sind es ja auch nicht. Für die ganz jungen Spieler ist das aber vielleicht zu früh, obwohl hier  auch schon Einige mit Spanien und so liebäugeln.

Sie haben im vergangenen Jahr gegenüber dem Basketballmagazin FIVE gesagt, dass Sie lieben, was Sie tun. Wie geht es weiter mit Ihrer Karriere? Sie müssten doch auch in Deutschland jetzt sehr begehrt sein? Oder geht die Tendenz eher wieder Richtung Ausland?
Die Tendenz geht ganz klar Richtung Ausland, im Moment könnte es wieder Griechenland werden. Da bin ich trotz Familie sehr flexibel. Aus Deutschland habe ich kein einziges wirkliches Angebot. Warum sollte ich also zurück gehen? Für später kann ich mir das gut vorstellen, aber im Moment ist hier keine gute Situation für mich. Und die ALBA-Bank kenne ich ja schon gut genug….

Wie oft denken Sie noch an den nicht genommenen Dreier in den Schlusssekunden des EM-Spiels 2005 gegen Italien? Haben Sie aus dieser Szene etwas mitgenommen für Ihre Karriere, oder ist das angesichts des späteren Erfolges (Silbermedaille) bedeutungslos? (Sven Schultze hatte nach einem von ihm vergebenen Dreierversuch, nach dem ihm der Ball wieder in die Hände fiel, lieber zum schlechter postierten Dirk Nowitzki gepasst, der einen Notwurf nehmen musste, statt selber erneut zu werfen. Das Spiel ging in der Verlängerung verloren. – Anm. d. Red.)
An diesen (Nicht)-Wurf denke ich eigentlich kaum zurück, dann schon eher an das verlorene EM-Finale 2005 gegen Griechenland, in dem mehr für uns drin gewesen wäre. Dem trauere ich immer noch etwas nach. Aber dass ich konkrete Spielsituationen Revue passieren lasse, passiert mir nur sehr selten.

Als Sie mit 16 Jahren in der Bundesliga in Bamberg debütiert haben, hatten Sie da eine Vorstellung von Ihrer weiteren Karriere? Ist es in etwa so gelaufen, wie Sie sich das vorgestellt haben? Was würden Sie wieder so machen, was würden Sie ändern?
Ich würde sagen, dass ich weitgehend alles richtig gemacht habe. Es war klar, dass ich erst die Schule fertig mache, ehe ich es als Basketballprofi versuche. Dann gab es die Frage: Berlin oder College? Basketballerisch war meine damalige Entscheidung für Berlin richtig, ich habe hochwertiges Training genossen und besonders in Lichterfelde viel Spaß gehabt. Klar, am Ende war bei ALBA auch etwas Frust dabei, aber insgesamt war das schon in Ordnung. Das gilt auch für meine Zeit in Leverkusen und vor allem danach im Ausland.

Wo liegt für Sie der besondere Reiz im Ausland zu spielen?
Etwas anderes kennen zu lernen als Deutschland. Neue Leute, andere Mentalitäten, anderes Wetter (lacht). Das heißt aber nicht, dass ich meine Heimat nicht mag, aber das gewisse Etwas finde ich im Ausland.

Sind Sie froh, dass Sie im Ausland Ihre Ruhe haben und nicht in der Öffentlichkeit stehen?
Manchmal ist es gut, wenn man im Ausland die Sprache nicht versteht. Dann bekommt man nicht so mit, was über einen geschrieben und gesprochen wird. Aber ich bin aus dem Alter raus, dass ich mich noch sehr über die Medien aufrege. Ist ja auch schön, wenn sie positiv schreiben.

Als Sie 2007 im Trainingslager der Nationalmannschaft auf Mallorca mit Herzrhythmusstörungen abreisen mussten und später sogar fälschlicherweise ein Loch in der Herzscheidewand diagnostiziert wurde, war das gesamte Team gewaltig erschreckt. Wie sehr helfen einem in einer solchen Situation Dinge wie das Tragen von Schuhen mit Ihrer aufgemalten Nummer, beispielsweise bei Dirk Nowitzki oder Patrick Femerling?
Von dieser Aktion habe ich erst im Nach hinein in einem Film des Bayerischen Rundfunks erfahren. Das ist natürlich eine ganz tolle Geste und hat mich sehr bewegt. So haben wir es ja auch im vergangenen Jahr nach Ademolas Erkrankung gemacht.

Im Angriff glänzen Sie seit Jahren mit einer überdurchschnittlich hohen Dreierquote. Das ist für einen 206 cm großen Spieler natürlich ein enormer Vorteil. Dafür mangelt es an der Präsenz am Brett. Hinten ist es umgekehrt, dort können Sie Vierer sicher leichter verteidigen als Dreier. Sie stellen also eine komplette Mischung aus der Po sition 3 und 4 dar. Wie sind Sie in Ihrer Karriere damit klar gekommen, was bedeutet das heute für Sie? Können Sie wirklich ernsthaft sagen: Ich spiel da, wo man mich hinstellt!?
Ich bin jetzt nicht mehr auf der Suche nach meiner Position, nehme jetzt nicht mehr zehn Kilo ab, um auf der 3 spielen zu können. Ich weiß, was ich kann, und ich denke, dass ich heute zu 80 Prozent Vierer bin. Mit meiner Erfahrung kann ich aber auch auf anderen Positionen spielen.

Sie sind verheiratet, haben Familie. Wie sieht Ihre Lebensplanung aus? Wie lange noch Basketball? Was danach?
Ich hoffe, dass mein Körper noch bis 35/36 Jahre auf diesem Niveau mitmacht. Danach könnte ich mir gut vorstellen, als Erzieher in einer Kita zu arbeiten. Ich wäre auch bereit, noch eine Ausbildung zu absolvieren. Vielleicht eröffne ich ja auch selber eine Kita, denn ich liebe es, mit kleinen Kindern zusammen zu sein. Aber es ist noch vieles offen.

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