Interview Tim Ohlbrecht

An dieser Stelle präsentieren wir Ihnen Interviews, die mit den jeweiligen Spielern im DBB-Journal erschienen sind. Die können durchaus schon etwas älter sein, haben aber nach Meinung der Redaktion kaum etwas von Ihrem Reiz verloren.

Tim Ohlbrecht, DBB-Journal Nr. 12 vom Dezember 2009

„Verbessern kann man sich immer“

Tim Ohlbrecht ist erst 21 Jahre alt, doch er hat in seinem Basketballleben schon viel erlebt. Er wurde bereits als 19-jähriger ins Nationalteam berufen und war im Sommer 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking dabei. Zudem wurde Ohlbrecht, der bereits früh als hoffnungsvollstes deutsches Basketball-Talent Deutschlands nach Dirk Nowitzki galt, in die Starting-Five des All- Star-Games 2009 der BBL gewählt und avancierte dort mit 18 Punkten zum Topscorer. Nahezu zeitgleich erlebte er aber auch die Schattenseiten einer Sportler-Laufbahn. Er spielte in der vergangenen Spielzeit bei den Brose Baskets aus Bamberg unter Headcoach Chris Fleming kaum mehr eine Rolle. Sein kometenhafter Aufstieg schien gestoppt. Was folgte, war ein arbeitsintensiver Sommer mit der Nationalmannschaft und sein Wechsel zu den Telekom Baskets in Bonn. Allem Anschein nach, eine gute Entscheidung. Das DBB-Journal traf im Telekom Dome in der Bundesstadt einen sichtlich gelösten und selbstbewussten Jung-Nationalspieler, der inzwischen schon 34 Einsätze bei den DBB-Herren vorweisen kann, und der in der BBL gerade durchstartet.

 

Herr Ohlbrecht, es scheint, als wären Sie nicht nur in Bonn, sondern auch in der BBL endlich angekommen! Fast elf Punkte pro Spiel, dazu mehr als vier Rebounds in durchschnittlich 21 Spielminuten. Diese Bilanz kann sich sehen lassen!
Ja, es läuft ganz gut. Mit diesen Werten bin ich mehr als zufrieden, zumal man ja nicht voraussetzen konnte, dass es von Beginn an so gut klappt.

Ihr neuer Trainer Michael Koch scheint auf Sie zu setzen. Gleich im ersten Spiel in Ulm gab es über 20 Minuten Einsatzzeit.
Es ist ja kein Geheimnis, dass ich mich mit Michael Koch gut verstehe. Das war ja schon beim All-Star-Day im Januar zu sehen, als er mein Coach bei der Südauswahl war. Seitdem gab es ja auch die Gerüchte, dass ich nach Bonn wechsle. Und als dann die Gespräche geführt wurden, hat Mike mir immer klar gemacht, dass er mich als Starter holen möchte.

Aber zu diesem Zeitpunkt war die Entscheidung noch nicht gefallen, oder?
Nein, natürlich nicht. Aber wir standen länger in Kontakt, und für mich war schon recht früh klar, dass ich aus Bamberg weg musste. Bonn war da von Beginn an eine Option, denn es war klar, dass ich zu einem Team wollte, in dem ich Spielzeit erhalte. Zudem ist Bonn ja immer ein Kandidat für das internationale Geschäft, was ebenfalls eine Entscheidungshilfe war.

Was ist denn nun im vergangenen Jahr in Bamberg schief gelaufen? Die Saison zuvor unter Dirk Bauermann schienen Sie auf einem guten Weg. Es folgte die Nominierung für die Nationalmannschaft und der Traumsommer mit Olympia! Sie müssen doch mit einer ordentlichen Portion Selbstbewusstsein ausgestattet gewesen sein.
Genau kann ich es auch nicht erklären. Letztendlich muss man feststellen, dass die Chemie zwischen mir und Trainer Chris Fleming nicht stimmte. Als er Nachfolger von Dirk Bauermann wurde, war ich eigentlich guter Dinge und davon überzeugt, dass Bamberg und auch mir eigentlich nichts Besseres passieren konnte. Doch dann sind wir immer häufiger aneinander geraten und er hat mir Sachen vorgeworfen, an denen nichts dran war, und die auf Gerüchten basierten. Aber wirklich angesprochen auf die Vorwürfe, ich würde in erster Linie Party machen, hat er mich nicht. Für mich war dann sehr schnell klar, dass mit meinem Vertragsende auch meine Zeit in Bamberg beendet ist. Es hat menschlich einfach nicht mehr gepasst.

Und nun sind Sie zurück im Rheinland. Ihre Wurzeln liegen Wuppertal. Hat das auch den Ausschlag für Bonn gegeben?
Nicht unbedingt, aber jetzt ist die Situation natürlich sehr angenehm!

Inwiefern?
Meine Familie wohnt nun „um die Ecke“. Meine Eltern nutzen nun häufig die Gelegenheit, meine Spiele live zu sehen. Ich kann auch mal schnell nach Hause fahren und mich von Mutter bekochen lassen, oder aber meinen älteren Bruder besuchen, der vor drei Monaten Vater und ich somit Onkel geworden ist.

Sie scheinen sich aber auch bei den Baskets und in Ihrer neuen Mannschaft sehr wohl zu fühlen!
Ich bin super aufgenommen worden, und ich muss gestehen, dass ich eine solche Mannschaft im Profibereicht noch nicht erlebt habe. Wir machen sehr viel gemeinsam und verstehen uns untereinander sehr gut. Besonders mit Alex King, der fast Tür an Tür mit mir wohnt, bin ich viel unterwegs. Aber auch die anderen Jungs sind alle in Ordnung.

Sie sind von einer Basketball-Hochburg in die nächste gezogen. Was unterscheidet Bonn von Bamberg?
Zuerst ist Bamberg schon mal eine Nummer kleiner als Bonn. Mit dem Telekom Dome hat Bonn zudem noch bessere Möglichkeiten. Hier ist alles, Spiel- und Trainingsstätten, an einem Fleck. Das ist schon sehr angenehm. Und dann auch das Publikum. In Bamberg war schon einiges los, und die Fans waren toll. Aber im Vergleich zu den Bonnern sind sie schon noch zurückhaltender. Die Bonner Fans sind irre.

Trotz ihrer verkorksten Saison hat Bundestrainer Bauermann Sie im vergangenen Sommer wieder für die Lehrgänge nominiert, und dort haben Sie sich dann auch ein Ticket für die EM in Polen erkämpft. Wie wichtig war dieser Sommer für Sie?
Es war schon wichtig für mich, noch dabei zu sein und mich letztendlich auch durchzusetzen. Das war gut für das Selbstbewusstsein, und die zusätzlichen Spielmöglichkeiten haben mir natürlich ebenfalls gut getan.

Der ganz große Coup ist in Polen ja bekanntlich knapp verpasst worden. Aber über die Nationalmannschaft war dennoch vorwiegend Positives zu lesen. Wie haben Sie die Europameisterschaft erlebt?
Polen war natürlich nicht mit Peking zu vergleichen. Aber für mich war es von großer Bedeutung, auf diesem Niveau im Sommer spielen zu können. Vielleicht war dies auch ein Grund für meinen guten Start in Bonn.

Und was sagen Sie zum neu formierten DBB-Team?
Es hat richtig Spaß gemacht mit dieser Mannschaft zu spielen. Und es war vielleicht gar nicht so verkehrt, mal ohne Dirk (Nowitzki, Anm. der Redaktion) anzutreten, auch wenn es toll wäre, wenn er wieder dazu stößt. Der Schritt war sicherlich mutig. Aber so konnten wir doch zeigen, dass es da einiges an Potenzial in Deutschland gibt. Das lässt für die Zukunft hoffen. Allerdings dürfte auch der Konkurrenzkampf größer werden. Schon dieser Sommer hat gezeigt, dass der Bundestrainer in Zukunft einige Optionen mehr haben wird. Und da derzeit einige Nationalspieler in der BBL ordentliche Spielzeiten erhalten, scheinen wir auf einem guten Weg.

Die Nationalmannschaft hat, nicht zuletzt zum Leidwesen von Bundestrainer Bauermann, nun lange Pause. Halten die Spieler untereinander Kontakt?
Na ja, es wäre sicherlich übertrieben zu sagen, wir stehen alle im ständigen Kontakt. Aber man beobachtet schon im Internet, was die anderen so sportlich treiben, oder schreibt sich auch mal die eine oder andere Nachricht. Aber regelmäßig tausche ich mich derzeit nur mit Demond Greene (derzeit bei Olympia Larissa, Anm. der Redaktion) aus. Das rührt aber noch aus unserer gemeinsam Zeit in Bamberg her.

Und wie ist das, wenn sich Nationalspieler auf dem Spielfeld gegenüber stehen?
Das ist natürlich was anderes. Ich muss zugeben, dass ich mich auf Spiele wie gegen Braunschweig, wo Heiko Schaffartzik und auch Yassin Idbihi, der ja leider nicht mit nach Polen durfte, spielen, richtig freue. Das ist immer ein nettes Wiedersehen.

Was ist von Ihnen in dieser Saison noch zu erwarten und wie sehen Ihre nächsten Ziele aus?
Erst einmal möchte ich unbedingt dieses Niveau, auf dem ich derzeit spiele, konstant halten und vielleicht sogar noch zulegen. Dafür arbeite ich hart. Bonn will natürlich nach der Vizemeisterschaft wieder um den Titel mitspielen. Aber das Feld der potentiellen Meisteranwärter ist noch breiter als in den vergangenen Jahren. Und dann möchten wir auch international so weit wie möglich kommen, obwohl wir natürlich den denkbar schlechtesten Start hingelegt haben.

Und wird man Tim Ohlbrecht irgendwann mal in der NBA sehen?
Keine Ahnung, und ehrlich gesagt interessiert mich das derzeit auch nicht. Ich fühl mich in Bonn pudelwohl und kann mir vorstellen hier lange zu spielen. Wichtig ist, dass ich mir hier auf Dauer meinen Stammplatz erkämpfe. Du kannst noch so viel trainieren, es geht halt nichts ohne Spielpraxis. Und wenn ich die bekomme, werde ich mich auch in der Nationalmannschaft mehr einbringen können.

Sie gelten mit Ihren beachtlichen 2,10 Meter Körperlänge als Leichtgewicht unter den Centern. Ist das der Grund warum sie lieber auf der Vier spielen? Zudem gelten sie eher als ruhiger Vertreter auf dem Feld. Woran muss Tim Ohlbrecht bei seinem Spiel noch arbeiten?
Erst einmal ist klar: Verbessern kann man sich immer. Besonders das Ballhandling kann nicht oft genug intensiv trainiert werden. Aber ich muss auch mal feststellen, dass ich nicht mehr so ein Leichtgewicht bin. Ich weiß gar nicht, warum überall noch steht, ich wöge 98 Kilo. Inzwischen sind es 106 Kilo, und so leicht schiebt mich keiner mehr durch die Gegend. Zudem sehe ich mich nicht als sonderlich ruhig an. Ich bin auf dem Spielfeld schon emotional. Das habe ich, glaube ich, diese Saison auch schon gezeigt, als mir zum Beispiel ein vorentscheidender Dreier gegen Alba Berlin gelang. Es hat ja auch immer etwas mit der Verantwortung zu tun, die man auf dem Spielfeld erhält. Hat man mehr Verantwortung, hat man auch mehr Gelegenheit Emotionen zu zeigen. Und was die Position angeht: Ich habe halt einen ganz passablen Schuss, und den kann man auf der Vier besser anbringen als auf der Fünf.

Dreier ist ein gutes Stichwort. Sie mögen den Vergleich nicht wirklich. Aber Sie sind nicht nur ähnlich groß wie Dirk Nowitzki, es zieht sie, genau wie ihn, immer häufiger zur Dreierlinie. Für einen Spieler Ihrer Größe haben Sie eine beachtliche Quote von rund 45 Prozent von jenseits der Linie. Da drängt sich der Vergleich doch auf!
Vielleicht. Aber ich bleibe bei meiner schon oft getätigten Aussage. Dirk ist Dirk! Und ich bin ich! Charakterlich unterscheidet uns sicherlich einiges. Zudem kann Dirk bereits auf eine unbeschreibliche Karriere verweisen. Bei mir muss sich erst noch zeigen, wo der Weg hinführt. Derzeit bin ich mit der Entwicklung zufrieden. Aber Sie können sicher sein, dass ich auch verstärkt meinen Distanzschuss trainiere. Die Nationalmannschaft kann davon sicherlich auch nur profitieren, wenn sie mehrere Lange in ihren Reihen hat, die von draußen treffen.

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